Damit Leben gelingt
31. August 2026

„Wir wissen genau, bei wem die Not am größten ist“

Schwester Maria Ludwigis ist glücklich, wenn sie andere Menschen glücklich machen kann. Foto: Gabriele David/SMMP
Schwester Maria Ludwigis ist glücklich, wenn sie andere Menschen glücklich machen kann. Fotos: Gabriele David/SMMP

Schwester Maria Ludwigis Bilo öffnet auch mit 100 Jahren noch täglich ihr Sozialbüro in Leme in Brasilien. Im Interview erklärt sie, warum.

Pünktlich um 7.30 Uhr verlässt Schwester Maria Ludwigis wochentags den Frühstückstisch. Auch jetzt noch, mit inzwischen 100 Jahren. Um 8.00 Uhr öffnet ihr Sozialbüro – und das schon seit 2011. Es ist eine Anlaufstelle für arme Familien und Menschen, die erst seit kurzem in Leme leben und Starthilfe brauchen.

Jeden Morgen stehen Menschen vor dem Büro Schlange, um sich einen Becher Kaffee und ein Stück Brot zum Frühstück abzuholen. Täglich sind es um die 50. Manche erhalten eine Tüte mit Lebensmitteln oder dürfen sich ein Secondhand-Kleidungsstück aus dem Vorrat von Schwester Maria Ludwigis aussuchen. Kleine Geldbeträge helfen beim Kauf notwendiger Medikamente oder ermöglichen die Busfahrt zum Arzt.

Seit sechs Jahren wird Schwester Maria Ludwigis von der jungen Sozialarbeiterin Silvana unterstützt. Beide nehmen sich viel Zeit, hören den Menschen zu und haben offene Ohren für ihre Sorgen. Es herrscht eine freundliche, zugewandte Atmosphäre. Die Menschen fühlen sich willkommen. Im Interview erzählt Schwester Maria Ludwigis, warum sie diese Arbeit nicht loslässt:

Ein Schluck Kaffee, ein Brot, ein offenes Ohr: schon ist vielen Menschen geholfen, die das Sozialbüro aufsuchen. Foto: Gabriele David/SMMP
Ein Schluck Kaffee, ein Brot, ein offenes Ohr: schon ist vielen Menschen geholfen, die das Sozialbüro aufsuchen.

Weshalb kommen die Menschen zu Ihnen?
Viele holen sich einen Kaffee und ein Stück Brot. Bei Bedarf helfen wir gezielt mit einer Lebensmitteltüte oder einem Kleidungsstück. In unserem kleinen Vorratsraum lagern wir vor allem Reis, Bohnen, Öl und Nudeln. Dank der Geldspenden aus Deutschland und der Sachspenden von Einheimischen haben wir immer etwas vorrätig. Dafür bin ich sehr dankbar. Auch die Gottesdiensthefte des vergangenen Sonntags, die wir auslegen, nehmen die Menschen gerne mit. Auch die Kärtchen mit Gebeten oder mutmachenden Sprüchen gehen gut.

Gibt es neben dieser materiellen Hilfe noch andere Beweggründe, warum die Menschen ins Sozialbüro kommen?
Die Menschen fühlen sich hier zu Hause. Wir hören Ihnen zu und nehmen Sie ernst.
Sie fühlen sich als Mensch wahrgenommen und respektiert. Sie freuen sich, dass jemand mit ihnen spricht. In all den Jahren gab es nie Ärger.

Seit sechs Jahren unterstützt Sie die junge Sozialarbeiterin Silvana. Was bedeutet diese Hilfe für Sie?
Früher habe ich regelmäßig arme Menschen am Stadtrand besucht. Ich bin viel herumgefahren und habe gelernt, wie die Menschen leben, und dass sie häufig nichts zu essen haben. Das schaffe ich leider nicht mehr. Heute übernimmt Silvana diese Aufgabe, worüber ich sehr froh bin. Sie findet schnell Kontakt zu den Menschen, redet mit ihnen und wird respektiert. Wichtig ist es, ein offenes Ohr zu haben und die Menschenwürde zu achten.

Warum kommen die Menschen nach Leme? Und finden sie hier das. Was sie suchen?
Die meisten Menschen kommen aus dem Nordosten, wo es keine Perspektive für sie gibt. Früher gab es in der Umgebung große Baumwollplantagen. Doch die sind mittlerweile fast vollständig verschwunden. Für Ungelernte wird es dadurch zunehmend schwieriger, Arbeit zu finden. Heute werden hier vor allem Zuckerrohr, Orangen und Getreide angebaut. Auf den Plantagen und Feldern macht der Einsatz von Maschinen weitere Arbeitsplätze überflüssig. Ein großes Problem.

Die Sozialarbeiterin Silvana ist für Schwester Maria Ludwigis inzwischen eine große Hilfe. Foto: Gabriele David/SMMP
Die Sozialarbeiterin Silvana ist für Schwester Maria Ludwigis inzwischen eine große Hilfe.

Was macht Ihnen am meisten Sorgen?
Es bedrückt mich, dass viele Frauen ausgenutzt werden, und ohne Versorgung dastehen. Einige landen in der Prostitution. Viele Frauen leben alleine und müssen die Kinder ohne Unterstützung großziehen. Häufig wissen die Kinder nicht, wer ihr Vater ist.
Es gefällt mir nicht, dass den Kindern das Vorbild der Eltern fehlt. Ich habe Mühe damit, dass sich Menschen nicht verstehen und nicht zusammenstehen. Das zeigt: Bildung ist ganz wichtig, um für sich selbst sorgen zu können.

Kommt das gespendete Geld aus Deutschland bei Ihnen an? Und wie nutzen Sie es?
Das gespendete Geld wird zu 100 Prozent für die Armen eingesetzt. Es kommt an! Wir verteilen Essenskörbe an arme Familien, denen es am Nötigsten fehlt. Die Basiskörbe enthalten vor allem Reis, Bohnen, Öl und Nudeln. Weihnachten und Ostern gibt es als Extra Schokolade oder Plätzchen dazu. Durch unsere persönlichen Kontakte wissen wir genau, bei wem die Not am größten ist. Es gibt Menschen, die sich bedanken, dass sie nicht verhungert sind. Das Verteilen der Körbe ist Teil unserer Mission. Die Hilfe deutscher Familien ist die Grundlage dafür – mit großer Wirkung.

Woher schöpfen Sie die Kraft für Ihre Arbeit?
Alle Schwestern haben die Projekte mitgetragen und setzen sich dafür ein. Der Pfarrer hat mich sehr oft unterstützt. Ich freue mich, wenn ich helfen kann, und die Menschen sich freuen. Ich habe nie bereut, hierhergekommen zu sein. Ich bin einfach hier. Das ist das Leben. Ich freue mich, wenn sich die Menschen freuen. Diese Freude gibt mir Kraft.

Eine ausführlichen Bericht über die Feier des 100. Geburtstages von Schwester Maria Ludwigis gibt es hier.

Schwester Klara Maria Breuer (r.), Missionsprokuratorin der Ordensgemeinschaft, besucht Schwester Maria Ludwigis an ihrer Arbeitsstelle. Foto: Gabriele David/SMMP
Schwester Klara Maria Breuer (r.), Missionsprokuratorin der Ordensgemeinschaft, besucht Schwester Maria Ludwigis an ihrer Arbeitsstelle.